Ein sommerliches Zwischenspiel: Der fehlende Radweg
Springt doch einfach...
Evil Knievel, im blauweißen Ganzkörperanzug, springt mit einem blauweiß gestreiften Fahrrad über die Elbe und landet auf dem blauweiß geschmückten Wilhelmsburger Stübenplatz, wo tausende begeisterter Kinder blauweiße Fähnchen schwenken, während des großen Festauftaktes anlässlich der Einführung des neuen Schulfachs „Fahrradspringen“, das im Rahmen der IBA-Bildungsoffensive nach den Sommerferien an allen Wilhelmsburger Schulen flächendeckend unterrichtet werden soll… bibibibiiip!... bibibibiiip! Uh. Der Wecker. Nur ein Traum. Lustig.
Warte mal – lustig? Hm. Oder auch nicht. Egal. Aufstehen, Bad, Tee kochen, anziehen, mich, die Kleine, Frühstück für alle, Zähneputzen, und los. Schon wieder ein platter Reifen. Scheißdreck. Keine Zeit zum Flicken. Aufpumpen muss reichen. Und ab richtung Zoll. Noch nicht viel los. Straße? Gehweg? Kein Bock auf das rauf und runter und die Holzbohlen bei der Brücke. Zumal mit einem halbplatten Reifen. Also Straße. Der 156er Bus überholt mich.
Ich gucke hinter mich. Kein LKW in Sicht. Ich werde die Brücke nehmen. Eigentlich nehme ich IMMER die Brücke. Die Treppe ist dermaßen steil, dass ich beim Versuch, das Rad durch die dafür vorgesehene Rinne im gefühlten 45˚-Winkel hochzuschieben, schon mal einen Krampf in der Schulter bekommen habe. Ganz fies. Dann schon lieber mein Leben riskieren.
Uh, nun kommt doch ein LKW. So ein Monsterding mit Extrahänger. Der scheint mir deutlich machen zu wollen, dass die Brücke nicht für Fahrradfahrer gedacht ist. Solange er nicht genug sieht, fährt er so nah hinter mir, als wolle er mich anschieben. Dann scheint er sich überzeugt zu haben, dass kein Gegenverkehr kommt (hoffentlich...), und überholt mich mit Minimalabstand. Gefühlte 20cm.
Mit erhöhtem Puls und Angstschweißflecken unter den Armen kommt die Ampel in Sicht. Schnell, die Rechtsabbieger haben gerade grün, gleich kriegen wir links auch... schnell, wenn ich richtig in die Pedale trete dann.... Geschafft. Gerade noch. Und jetzt mit Tempo die Brücke wieder runter. Hey, nein, ihr müsst mir nicht alle beim Überholen volle Pulle ins Ohr hupen! Ja, ich weiß dass ich auch auf dem Gehweg fahren kann. Aber ich habe es eilig. Wichser. Gott bewahre, da steht ein ungeduldig wirkender Linksabbieger auf der gegenüberliegenden Spur. Hoffentlich denkt er nicht, er könne noch schnell eben vor mir abbiegen... uff. Kurz hat er gezuckt, bleibt aber doch stehen. Mit ordentlich Tempo hänge ich mich auf den Lenker, voll aerodynamisch. Schön albern.
Und rein in den Gegenwind. Warum hat man im Freihafen eigentlich immer Gegenwind? Als würde das Scheißkopfsteinpflaster nicht reichen. Bevor es damit losgeht, mache ich mich halsbrecherisch als Linksabbieger kenntlich und fahre an der Bushalte Nehlsstraße auf den holprigen Gehweg. Ich kann es nicht leiden, wenn Leute auf der falschen Seite den Radweg benutzen. Aber auf der anderen Seite ist nichts befahrbares. Und das hier, auf der „falschen Seite“, ist ja im übrigen auch nur beschissener Gehweg.
Glatte Einfahrtasphaltierung nutzen, Schlenker rechts, Vorsicht Wurzeln, Gegenverkehr ausweichen, Fußgänger wegklingeln, noch mal Wurzeln, Schienen, und über die Zufahrt von Blohm & Voss – spart sicherlich eine halbe Sekunde. Abou Merhi. Autoverladung. Und wieder zurück auf die Straße, die ist jetzt wieder glatt. Hui, wo kommt der den plötzlich her? Wie schnell darf man hier noch mal fahren? Als ich mich entschied, in die Straße einzubiegen, war der jedenfalls nicht in Sicht... Uff. Gerade noch. Dritte morgendliche Grenzerfahrung. Danke, das reicht für heute.
Und weiter. Um die Kurve, da kommt der Elbtunnel schon in Sicht. Noch einmal hoch auf den Gehweg, diesmal rechts, mal wieder Kopfsteinpflaster vermeiden. Mann, wer parkt denn da vor der abgesenkten Bordsteinkante? Idiot. Mein armes Fahrrad. Egal, absteigen ist für Verlierer. Linker Aufzug, rechter Aufzug, linker Aufzug, komm schon, was sagt die Intuition? Der linke ist auf jeden Fall schneller, sagt die Erfahrung. Aber vielleicht ist der rechte gerade oben, erwidert die Intuition. Links, ich fahre nach links. JA! Da steht er. Und wartet auf mich. Schnell, noch ein kleines Stückchen, meine Hand knallt auf den Aufzugknopf... und: Die Tür geht auf. Bingo.
Auf dem Weg in die kühle Tiefe kommen die Gedanken zurück in mein vorher voll auf den Weg konzentriertes Hirn: Was ist das hier für ein Scheißsprung über die Elbe? Ob es ihn irgendwann geben wird, den ewig versprochenen Radweg? Warten auf Godot. Wahrscheinlich kommen eher Evil Knievel und Fahrradspringen als Schulfach. Sollte man Scholz&Friends mal vorschlagen! Dass es nicht längst einen Fahrradweg gibt, auf der meistfrequentierten Strecke Wilhelmsburger Radler, ist ein Riesensymbol für die absurde Realitätsvergessenheit der gegenwärtigen Stadtplanung. Bzw. deren mangelnden Einfluss, angeblich blockiert ja die HPA. Vielleicht sollten wir gegen die eine Sammelklage einreichen inklusive der Quittungen für die regelmäßigen Fahrradreparaturen. Das ist ein klarer Fall von institutionalisierter Sachbeschädigung und fahrlässiger Personengefährdung infolge systematischer Verfahrensverschleppung!
Oder was meinen Sie?
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Beitrag von Britta Peters vom 08.05.2008
Beitrag von jvp vom 17.03.2008
Beitrag von Sigrun Mast vom 16.03.2008
Anonymer Beitrag von Montag, 10.03.2008



